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Die vorreformatorische Zeit

Die heute wegen ihrer grossartigen Deckengemälde bestbekannte Kirche St. Martin in Zillis, war einst Tal- oder Mutterkirche. Zu ihr gehörte kirchlich auch Andeer. Auf die Dauer war jedoch die allbeherrschende Stellung der Grosspfarrei nicht haltbar.

Im Zuge der Entwicklung der einzelnen Nachbarschaften zu selbständigen, politischen Gebilden lag es nahe, dass jedes Dorf seine eigene Pfarrei anstrebte und zwar mit eigenem Seelsorger, eigener Kirche, eigenem Friedhof, kurz, ausgestattet mit allen Rechten und Pflichten einer selbständigen Kirchgemeinde. Der Einzug der Reformation hat diese Bestrebungen noch gefördert.

Die St. Michaels-Kapelle.

Diese wird 1419 erwähnt. Sodann ist die Rede von einer ewigen Messe auf St. Michaels Altar aus dem Jahre 1480.[i] „Michael“ ist der Schutzengel Israels, ein Erzengel und Sieger über Satan. Er ist auch der Beschützer der kath. Kirche und Patron der christlichen Heere, ein Volksheiliger.

Die genaue Entstehungszeit der Kapelle ist nicht bekannt. In Anbetracht, dass Andeer vor 600 Jahren eine kleine Nachbarschaft war, ist anzunehmen, dass auch das erste Gotteshaus kaum gross gewesen sein kann.[ii] Ein Kirchturm dürfte wohl erst später bei der Anschaffung der ersten Glocken erbaut worden sein. Ob der Kirchhügel, auf welchem das kleine Gotteshaus stand, schon in vorchristlicher Zeit eine Kultstätte oder gar eine Befestigungsanlage war, ist nicht bekannt. Unsere Vorfahren bezeichneten den Kirchenhügel „Muntei“, ein Name, der heute nicht mehr gebräuchlich ist.[iii]

Die Kapelle „Sogn Stiafan“ (Stephan)

Ihr Standort war hinter Bärenburg am Eingang zur Roflaschlucht. Im Jahre 1951 beim Strassenbau kamen Reste dieser Kapelle zum Vorschein; auch Gräber wurden daselbst freigelegt. Heute erinnert eine in einem Felsklotz gemeiselte Inschrift auf die frühere Bedeutung dieser kleinen Kirche hin.[iv]

„Sogn Stiafan“ (der heilige Stephan) gilt als Beschützer gegen Steinschlag und war der erste Märtyrer. Sein Gedenktag ist der 26. Dezember.

„Sontga Margreata“ (Sankt Margarete)

So heisst eine hügelartige Erhebung, welche die Reste einer Kirche oder eines kleinen Klosters birgt. Anlässlich der Güterzusammenlegung wurde das Gelände längs des Rheins als Bauzone ausgeschieden und sollte mit einem Fahrweg erschlossen werden. Der Hügel „Sontga Margreata“ hätte am Rande abgetragen werden müssen. Durch eine geringfügige Verlegung der Weganlage konnte dies vermieden werden. Der östliche Teil des Hügels wurde unter sachkundiger Leitung näher untersucht und Grundmauern freigelegt, die aber wieder zugedeckt wurden, weil für eine gründliche Erforschung der Ruine die Mittel fehlten. Die Frage kann nicht beantwortet werden, ob es sich um eine Kapelle oder um ein kleines Kloster gehandelt hat.

An „Sontga Margreata“ vorbei über die in unmittelbarer Nähe erbauten einstigen Rheinbrücke führte ein Pfad über „Cargiel“ nach der Roflaschlucht. Zeitweilig mag diese Verbindung den Verkehr von und nach dem Rheinwald übernommen haben. In diesem Falle wäre „Sontga Margreata“ eine ähnliche Bedeutung zugekommen, wie den Kapellen „Sogn Ambriesch“ in der Viamala und „Sogn Stiafan“ auf Bärenburg.[v]

Über die heilige Margarete steht geschrieben: „Sie stammte aus Antiochia und war eine der 14 Nothelferinnen. Zur Zeit Diocletians wurde sie als Christin von ihrem heidnischen Vater verstossen und später auf Geheiss des Präfekten Alybrius enthauptet. Gedenktag ist der 20. Juli.“



[i] Es sei verwiesen auf meine Denkschrift über die Kirche Andeer zum dreihundertjährigen Bestehen derselben im Jahre 1973. Diese bebilderte Schrift wurde im Auftrage des Vorstandes der evangelischen Kirchgemeinde Andeer veröffentlich unter dem Titel: "Die evangelische Kirche Andeer 1673-1973" Gewisse Stellen aus dieser Veröffentlichung werden in den folgenden Seiten wiedergegeben, ohne nochmals auf die Herkunft hinzuweisen.

[ii] Ein Taufstein - wohl Vorgänger des jetzigen- kam vor 30 Jahren an der Westseite des Friedhofs an der Friedhofmauer beim Aushub eines Grabes zum Vorschein und wurde zunächst bei der unteren Kirchentüre im Freien aufgestellt. Nunmehr ziert derselbe das Kirchlein von Clugin.

Dass der erwähnte Taufstein gefunden und zudem noch unversehrt geborgen werden konnte, ist einem glücklichen Zufall zu verdanken. Ulrich Strub, der damalige Gemeindediener, der mit der Bereitstellung eines Grabes für die am 3. Mai 1956 verstorbene Johanna Cajöri beschäftigt war, stiess unerwartet auf einen grossen Taufstein.

Im Dorfe traf ich dann Strub, der eben im Begriffe war, sich einen Schlegel zu beschaffen, um damit das steinige Hindernis in Stücke zu schlagen Nach Besichtigung des Steines konnte ich ihn von seinem Vorhaben abbringen, was er gerne tat, zumal ich ihm einige Moneten in die Hand drückte.

Bauunternehmer Giovanni Pezzoni übernahm dann sofort auf eigene Kosten die Bergung des mysteriösen Steines, der sich bald als ein Kleinod aus alten Zeiten entpuppte.

[iii] "Muntei" wird von monticulus, kleiner Hügel, abgeleitet.

[iv] Vergl. "Bündner Monatsblatt" Nr 7/8 1952. „St. Stephan am Nordeingang zur Roflaschlucht“ Von Hans Conrad, Lavin.

[v] Vergl. Presseberichte in der Bd. Ztg. vom 18. August und 8. Sept. 1977. Strassenführung soll verlegt werden" und "Rätsel um Andeerer Klosterhof. " v. Dr. Christoph Simonett.