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Die Berg- und Waldwege

Da die Talschaft Schams früher eine Gemeinde bildete, gehörten ihr auch die Wälder. Die Aufteilung derselben auf die Nachbarschaften erfolgte 1851, wobei die linksseitigen Dörfer ihren Waldanteil als eine Einheit bestehen liessen.

In Andeer wurde die Nutzung und die Verwaltung des Waldes einer von allen im Dorfe wohnhaften Landschaftsbürgern gebildeten Korporation überlassen. Spätere Zuzüger konnten sich aber nur wenn sie Landschaftsbürger waren oder das Bürgerrecht von Andeer erwarben in die Landschaftskorporation einkaufen. Dieser Zustand war unhaltbar und die Waldungen gingen auf die politische Gemeinde zur Verwaltung und Nutzung über.

Zur damaligen Zeit gab es nur schmale, steile und holprige Wald-, Kies- und Bergwege. Die Waldnutzung spielte eine untergeordnete Rolle und blieb auf die dorfnahen Forstbestände beschränkt. Abgelegene Wälder blieben vielfach ungenutzt. Allenfalls bauten Köhler dort ihre Meiler.

In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts baute Andeer den ersten wirklich brauchbaren Wald- und Maiensässweg und zwar auf der linken Talseite von „Mulegn“ bis zu den Maiensässen hinauf. Die Ausführung dieser Wegbaute ist weniger dem Fortschrittsgedanken zuzuschreiben gewesen, als vielmehr der tief verwurzelten Befürchtung, dass mit der baldigen Annahme der revidierten Bundesverfassung von 1874 die Gemeinden nicht mehr frei über ihr Vermögen verfügen könnten. Nun, diese Panik hatte die erfreuliche Folge, dass der erwähnte Weg gebaut wurde. Seine Notwendigkeit war unbestritten. Nach seiner Fertigstellung mussten Holz, Heu und andere Güter nicht mehr auf Schlitten verfrachtet werden.

Das Bergheu wurde in Heutücher verpackt und auf leichte Leiterwagen ins Dorf gebracht. Um eine zusätzliche Bremswirkung zu erzielen, wurde ein kleiner Schlitten (curtan) ebenfalls mit Heu beladen angehängt. Diese Art der Heubeförderung dauerte aber nur so lange als der Weg in tadellosem Zustande war.

An Stelle des zweiachsigen Wagens trat der einachsige (berat), auf welchem eine Schleife angebracht war „targliun“ genannt.[i]

Die neue Weganlage.

Unsere heutigen Ansprüche fordern besser angelegte Feld- und Waldwege. Deshalb wurde in unserer Zeit ein neuer Bergweg gebaut, der weniger steil als der frühere, breiter und asphaltiert ist. Für Fussgänger und für den Viehtrieb ist der alte, schattigere und auch kürzere Weg vorzuziehen.

Der neue Weg auch mit Personen- und Lastwagen befahrbar, erschliesst das linksseitige Gemeindegebiet.

Für die Waldnutzung ist der asphaltierte Weg von Vorteil. Im Gegensatz zu früher kann der Holztransport direkt aus dem Walde auf Lastautos geschehen. Ein mehrmaliges Auf- und Abladen ist hinfällig geworden.

Hier einige Angaben betreffend Teilstrecke „Runcs“ bis „Planes“: Länge 3’165 km., Felssprengungen 10’155 m3 und Kosten 848’874.- Fr. Daran bezahlten der Bund 40%, der Kanton 20% und die Gemeinde 40%. Baubeginn war am 9. Sept. 1964 und Abnahme am 17. Oktober 1967. Die Einweihung mit einem Dorffest auf „Cagliatscha“ fand am 4. Juni 1967 statt, verbunden mit einer Gedenkfeier an Pfarrer Matli Conrad.

Auf der gegenüberliegenden rechten Talseite besitzt Andeer ebenfalls ausgedehnte Waldungen. Ein steiler Pfad führte seit jeher über Bärenburg nach „Bagnusch“ und weiter nach der Alp „Albin/Andies“. Dieser wurde 1899 ausgebaut zu einem schmalen aber befahrbarem Wege, der heute nicht mehr im besten Zustande ist.

Kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges ging die Gemeinde daran, den so genannten Tscheraweg (veia da la Tschera) zu erstellen. Dieser erschliesst Teile des dortigen Waldareals und führt zu den Maiensässen „Bagnusch“. Die Fertigstellung erfolgte im Jahre 1917.

Diese Weganlage wird zurzeit durch eine neue und für den motorisierten Verkehr geeignete ersetzt. Bis dato ist nur der unterste Teil fertig. Die ganze Länge des Weges wird an die 12 Kilometer betragen. Der vielen Felssprengungen und zerklüfteten Steilhänge wegen, mussten bedeutend mehr Mittel eingesetzt werden als vorgesehen.

Beinahe unerschlossen bleibt das wildromantische Gebiet zwischen Averser- und Hinterrhein Der im Jahre 1880 von Simon Lehner aus Andeer im Auftrage der Gemeinde angelegte schmale Weg, der bis zur Alp „Ursera“ führt, ist seit Jahren sehr vernachlässigt worden.

Planung und Umweltschutz

Leute, die unser Tal erstmals aufsuchen, mögen überzeugt sein, dass das Landschaftsbild einigermassen naturnahe geblieben ist. Ganz anders urteilt jedoch der Schamser, der nach einer längeren Abwesenheit wieder heimatlichen Boden betritt. Die zahlreichen Veränderungen, die er feststellt, werden ihn meist unangenehm berühren.

Da ist einmal die stark gedrosselte Wasserführung des Rheins und die Trockenlegung mancher seiner Nebenbäche zu nennen. Auch Hochspannungsleitungen und Steinbrüche, die gar vielen neuen Strassen und Wege, usw. haben das gewohnte Landschaftsbild massiv verändert.

Diese Eingriffe sind meist wirtschaftlich bedingt und in der Regel leider kaum vermeidbar.

Zu weiteren Verunstaltungen noch einige Worte. Bereits im „Bogn“ draussen ist das Fehlen des einstigen dortigen Teiches zu bemängeln. In seinem Wasser tummelten sich Forellen, Krebse und Lurche. Im Zuge der Strassensanierung wurde der Weiher vor Jahren kurzerhand zugeschüttet, obwohl dieser die baulichen Vorhaben keineswegs behinderte.

Nicht mehr vorhanden ist auch die lang gestreckte Dornenhecke längs der Landstrasse zwischen „Bogn“ und Dorfeingang. Sie bot Schutz und Nistgelegenheit mancher Vogelart.

Gerne werden die Vorteile einer Güterzusammenlegung gerühmt. Grosse Parzellen erleichtern die Bewirtschaftung. Somit ein erstrebenswertes Ziel. Dies hätte aber auch mit wesentlich weniger Aufwand erreicht werden können, z. B. durch die Bildung von Pachtgenossenschaften. Das am meisten parzellierte Gebiet von der Landstrasse bis zum Waldrand wäre auf Kosten der Nationalstrasse ohnehin zusammengelegt worden.

Hier noch einige Beispiele, wie Planung und Melioration die Natur beeinträchtigten:

Frei und munter durch Felder und Fluren fliessende Bäche wurden in Röhren verlegt. Bereits durch Eingriffe in früherer Zeit (Ölleitung, Strassenbauten, Werkbauten, etc.) wurde mancher Bach zum Verschwinden gebracht.

Fast alle „muschnas“, das sind zusammengetragene Steinhaufen auf den Feldern, die meist mit Stauden bewachsen und wichtige Nistplätze für Vögel und Lebensraum für Kleintiere waren, sind abgetragen worden.

Mit finanziellen Mitteln wurde bestimmt nicht gespart, auf Kosten der Steuerzahler und der Natur.

Eine kurze Schlussbetrachtung

Wie steht es um unsere Landwirtschaft heute in Andeer bestellt? Klein- und Mittelbetriebe sind beinahe alle eingegangen. Hauptberufliche Landwirte zählt das Dorf noch ein halbes Dutzend. Somit hat der breite Bauernstand zu Gunsten von ein paar grösseren Bauernhöfen auch bei uns weichen müssen.[ii]



[i] Dieser Weg wurde ohne Querrinnen (cunegls) erstellt, was sich nicht bewährte. Deshalb wurde im Jahre 1883 der Einbau von 150 Querrinnen in Auftrag gegeben. Kostenpunkt Fr. 2,50 bis 3.- pro Querrinne. Diese Massnahme verhinderte, dass der steile Weg bei Gewittern oder bei der Schneeschmelze all zu stark ausgewaschen wurde. Die Gemeinde übernahm nicht sämtliche Kosten des Wegbaus, sondern verteilte diese teilweise auf die Eigentümer der Maiensässe, der Magerwiesen und der Alp Durnan.

[ii] Aus dem Dorfbild sind Arbeitspferde verschwunden. Der Bestand an Ziegen ist sehr gering, rückläufig ist die Haltung von Schafen, Hühnern und Schweinen. Nach einer Viehzählung vor gut hundert Jahren betrug z.B. in Clugin allein die Zahl der Mastschweine 35 Stück.