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Viehzucht

Eine Viehzucht im Sinne unserer Tage war unbekannt. Es war aber das Bestreben einer jeden einigermassen gut gestellten Haushaltung nebst Ziegen und Schafe auch eine Kuh im Stall zu halten, um auch während der Winterszeit eigene Milch zu haben.[i]

Aus dem Dorfbild nicht wegzudenken war die Kleintierhaltung.[ii] Die Ziegen warfen ihrer geringen Kosten wegen den grössten Nutzen ab. Auch im Winter bei mildem Wetter und mässiger Schneemenge wurden sie meist ins Freie getrieben, wo sie an Stauden und Bäumen an sonnigen Halden herumknabberten. Die umfassende Weidenutzung durch Klein- und Grossvieh verhinderte die Überhandnahme von Wald und Gestrüpp auf dem Weideareal.

Obwohl die Ziegenhaltung nicht nur Vorteile sondern auch Nachteile aufweist, darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass ohne die vielen Geissen manches Bergdorf, ja ganze Täler von den Menschen hätten aufgegeben werden müssen.

Andeer hatte 1851 einen Ziegenbestand von 417 Stück und die Zahl der Schafe war sogar an die 500. Die beiden Ferreras lebten fast ausschliesslich vom Ertrag der vielen Geissen. Besonders auch in unsicheren Zeiten, etwa beim Einfall feindlicher Horden, bewiesen die Ziegen ihre Daseinsberechtigung. Keine anderen Nutztiere konnten so rasch in abgelegene sichere Verstecke getrieben werden. Unsere Vorfahren erkannten den grossen Wert ihrer Schmaltiere, und deshalb wurde auch die Wahl der Hirten sorgfältig getroffen.[iii]


Gemälde, Donatus Joos

Dass die Kühe des armen Mannes eigenwillige, ja recht durchtriebene Geschöpfe sind, ist allbekannt. Hier eine Erzählung, die dies bestätigt. [iv]

„Eines Abends, da der Ziegenhirte - ich weiss nicht weshalb einen andern Heimweg nehmen musste - sollte ich für ihn die Ziegen heimtreiben. Indem ich dachte wie lustig es sein müsse, die Splügenstrasse hinunter der Herde nachzulaufen, so konnte ich mich höchlichst darüber freuen. Im so genannten „Vaschler“, eine halbe Stunde hinter dem Dorfe, stellte mich der alte Geissler auf die Ziegenbrücke und sagte mit erhobenem Finger: „Gib nun acht, dass dir keine Geiss hinüberkommt. Erst wenn der Schatten über den“Piz la Tschera“ hinaus ist, darfst du die Tiere ziehen lassen. Sind sie einmal alle über den Steg, dann säume keinen Augenblick und jage ihnen so schnell deine Füsse laufen können nach und pfeife und schreie dazu wie ein Verzweifelter, damit sie ja nicht Zeit gewinnen rechts oder links abzuschweifen. Also nur schnell treiben und wacker johlen so wird es gut gehen. Verstanden? So leb wohl und komm gut heim“, sagte er beim Abschied, wendete sich um, nahm den Stock quer über den Rücken und stieg die steile Halde hinauf, dem Walde zu, wo er im Dickicht verschwand.

Ich schaute oft zurück wie der Schatten langsam immer weiter rückte, während meine Ziegen von Süd und West zu mir kamen und auf das Zeichen des Abmarsches warteten. Endlich war der erwartete Zeitpunkt gekommen. Ich machte das Türlein auf, ging auf die Seite und ihrer 200 Ziegen zogen zusammengedrängt und mit emporgehobenen Köpfen langsam an mir vorbei und über die schmale, eingefasste Brücke.

Kaum war die letzte hinüber, so jagte ich, wie mir befohlen wurde mit muntern Sprüngen und mit Geschrei ihnen nach. Eine Weile so lange der Weg den Zaun entlang lief, ging es auch gut. Die schlauen Tiere mochten aber merken, dass ihr Meister fehlte, denn wie sie in die offene Landstrasse kamen, so half weder mein Springen, noch Lärmen, noch Pfeifen etwas. Die ersten bogen rechts ab und die andern folgten ihnen getreulich nach und alle zerstreuten sich im nahen Gebirgswald, sodass mir nach wenigen Minuten auch jedes Schwänzchen aus dem Gesichte kam so sehr ich mich auch abmühte, ihnen nachzukommen.

Die Nacht brach ein und ich befand mich schweisstriefend und mit zerfetzten Kleidern mitten im Waldesgestrüpp. Jedoch die Landstrasse erreichte ich glücklich wieder, aber heimgehen ohne Ziegen durfte und wollte ich um keinen Preis. Bei der nächsten Schenke in Bärenburg kehrte ich ein und bat um Nachtherberge. Die bekannten Wirtsleute nahmen mich freundlich auf, suchten mich über mein Unheil zu trösten, brachten eine Schüssel Milch nebst Brot zum Einbrocken und sagten: „Iss nur Büblein, lass deinen Missmut und sei guter Dinge, denn die Sache steht so misslich nicht. Wirst sehen, morgen ist der alte Hirte schon früh hier und in wenig Minuten hat er die Ziegen wieder beisammen.“

So war es auch. Der Tag hatte sich noch nicht ganz vom Schleier der Nacht gelöst, als unser Geisshirt anklopfte, eintrat und sich nach mir umsah. Sicher hatte er die Absicht, mich tüchtig auszuschimpfen, allein die Wirtsleute traten dazwischen und so hatte er bloss zu klagen, wie er von den Andeerern fast zerrissen worden sei, als er ohne Ziegen heimgekommen sei und wenn nicht ein Bärenburger zufälligerweise (eigentlich war dieser von den Wirtsleuten beauftragt worden) Aufschluss über mein Ausbleiben hätte geben können, so hätte man meinetwegen Kummer gehabt, besonders meine Eltern, die schon unterwegs waren, mich zu suchen. Als er seine Wehklage, wovon niemand Notiz nahm, beendet hatte, winkte er mir, ihm zu folgen. Er liess sich die Stelle zeigen, wo die Ziegen entflohen waren und in Zeit von einer Viertelstunde hatte sie der Hund alle beieinander auf der breiten Landstrasse. Zunächst mussten die Tiere des Melkens wegen nach Andeer getrieben werden.“



[i] 1849 zählte Andeer 98 Halter von Gross- und Kleinvieh. Heute mögen es noch ein Dutzend sein.

[ii] Protokollauszüge der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts vermittelt ein Bild über die Entlöhnung der Hirten, aber auch über die verschiedenen Münzsorten. Der Geisshirt bekommt pro Geiss 11-Batzen, der Schafhirt pro Schaf 5 Kreuzer, der Schweinehirt pro Schwein 7 Blutzger und der Kuhhirt für jede Kuh 20 Kreuzer und für jedes Kalb halb so viel.

[iii] Ein kritischer Beobachter in einem lateinamerikanischen Staate verwunderte sich über die vielen Denkmäler, die zur Ehrung zweifelhafter Politiker und Generäle errichtet worden waren und bemerkte treffend: Eigentlich würde der geduldige Esel, der die Indianer von ihrem traurigen Dasein als Lastenträger befreite, diese Ehrungen verdienen. Auf unsere Verhältnisse bezogen: Die einstige Bedeutung der Geissen darf nicht in Vergessenheit geraten. Sie waren eine Art AHV und zwar für die ganze Gebirgsbevölkerung. Als in Innerferrera 1919 die Maul- und Klauenseuche ausbrach, wurde der Eigenbestand notgeschlachtet. Die langfristige Folge dieses staatlichen Eingriffes war: Niedergang der Ziegenhaltung und damit auch des Bauerndorfes.

[iv] Aus der Lebensbeschreibung von Donath Joos.