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Von Aussensiedlungen und ihren Bewohnern

Bei unseren Altvordern war die Überlieferung lebendig, dass die „Cagliatscha“ das ganze Jahr hindurch besiedelt gewesen sei, und zwar von mehreren Familien. Ja, es habe eine Zeit gegeben, da elf Männer zum Gottesdienst, zum Gemeinwerk und zu den Versammlungen der Nachbarschaft von dort nach Clugin herunter gekommen seien. Untermauert wird diese Darstellung durch ein Schriftstück aus dem Jahre 1680, das besagt, nur wer das Jahr hindurch auf „Cagliatscha“ wohne, dürfe dort Weiderechte ausüben.[i]

Obschon die Romantschen es vorzogen, in geschlossenen Dörfern zu hausen, gab es doch allenthalben, so auch in Andeer, Aussensiedler. Wir denken dabei etwa an Mühlen und andere auf die Wasserkraft angewiesene Gewerbe, die notgedrungen ihren Standort an abseits der Ortschaft fliessende Gewässer hatten. Inhaber dieser Wasserwerke und ihre Familien wohnten dann auch meist am Arbeitsort.

Nach dem Bau der Landstrasse waren unternehmungslustige Leute darauf bedacht, den sich entwickelnden Verkehr zu Nutze zu ziehen, indem sie an vorteilhaft erscheinenden Orten längs des neuen Weges Gasthäuser bauten. Solche entstanden in Rongellen gleich drei nahe beieinander, dann „Rania“ bei Zillis, „Igl Bogn“ bei Pignia und zwei weitere in der Rofla. Eines dieser war eine halbe Stunde vom heutigen Hotel Roflaschlucht entfernt, an der Grenze zu Sufers. Die kleine Schenke trug den Namen „La Baraca“, und die Wirtsleute namens Engi wurden „igls Baracs“ genannt, welche viele Jahre dort wohnten und später eine Familie Menn. Die Einnahmen vom Ausschank an Wein und Schnaps genügten wohl nicht, um eine Familie zu erhalten, weshalb die Männer als Wegmacher oder Hilfskräfte derselben im Solde des Kantons arbeiteten.

Ebenfalls der gleichen Beschäftigung ging ein gewisser Marugg nach, der mit Frau und Kindern im weitab und hoch gelegenen Maiensäss „Mut“ Quartier bezogen hatte. Sowohl von diesem Maiensäss wie von der „Baraca“ marschierten die Kinder der genannten Familien morgens zur Schule nach Andeer und abends wieder heim. Es war dies eine Strapaze, die heute keinem Schulkind mehr zugemutet werden könnte.

Siedlungen mit einer Anzahl von Behausungen und Ställen, also kleine Nachbarschaften, waren „Cresta“ ob Ausserferrera und „Starlera“ auf Gebiet von Innerferrera. Beide heute im Rang herabgemindert sind nur noch Maiensäss und Ferienorte. Sowohl die sehr alte Kirche auf „Cresta“ wie die Überlieferung weisen darauf hin, dass Cresta die älteste Siedlung im Gebiet von Ferrera ist. Das Dorf Ausserferrera hat sich somit wohl erst im Zusammenhang mit der Erzausbeute zu einer Ortschaft entwickelt. Alte Ferrerer wussten zu berichten, dass ihre jetzige Dorfkirche im Auftrage einer Bergwerksgesellschaft seinerzeit erbaut worden sei.

Das Jahr hindurch bewohnte Einzelsiedlungen gab es sodann auf „Plan Castgegna“, Gemeinde Pignia, auf „Suransungs“ wo die Familie Grubenmann residierte und „Sogn Ambriesch“, wo zuletzt eine Familie Rossi zu Hause war. Die letzteren zwei Örtlichkeiten befinden sich in der Viamala.

Auf dem Gebiet der beiden Ferreras waren einzelne heutige Maiensässe, wie etwa „Pleds“, „Sogn Martegn“, „La Prada“, „Las Tgeas“ und „Clavadi“ während Jahren Dauersiedlungen. Es handelte sich meist um Einzelgänger, die von der Dorfgemeinschaft freiwillig oder durch besondere Umstände dazu veranlasst wurden sich abzusondern. Manche davon waren Eigenbrödler, die kaum noch mit jemandem Beziehungen pflegten. In freier Natur in der Einsamkeit waren sie eher zuhause.

Ein Sonderling und der letzte Aussensiedler in Andeer war Jakob Brehm, welcher mutterseelenallein auf dem oben erwähnten Maiensäss „Mut“ während 13 Jahren gelebt hat. Er bewirtschaftete dasselbe und betreute etwa 30 Ziegen und Schafe.

„Igl Brehmer digl Mut“, wie er in Andeer genannt wurde, kam eher selten ins Dorf, um seine bescheidenen Bedürfnisse zu befriedigen. Die Einkäufe, die er tätigte, beglich er nicht mit Geld, sondern mit „Gitzis“ und Schafen. Was die Natur ihm zur Verfügung stellte, wusste er auszunützen. In Ermangelung von Kaffeebohnen braute er sich ein Getränk aus gedörrten Wachholderbeeren, und Tee bereitete er sich aus Kräutern und Wurzeln.

Problemlos war nun dieser Aussensiedler für die Gemeinde keineswegs. Wenn Brehm sich gar zu lange nicht sehen liess, musste nachgeschaut werden. Einer solchen Aufgabe unterzog sich aber niemand gerne allein, weshalb sich die Gemeindebehörde veranlasst sah, hin und wieder zwei Mann nach dem „Mut“ zu delegieren.

„Igl Brehmer diel Mut“ segnete das Zeitliche im Alter von 67 Jahren, anno 1925 aber nicht auf luftiger Höhe, sondern im Spital in Thusis. Sein Maiensäss ist heute verödet, die Gebäude verfallen und der Wald erobert wieder das zurück, was Menschen vor vielen, vielen Jahren in mühseliger Arbeit ihm abgerungen hatten.



[i] Gemeindearchiv Pignia.