Andeer: Andeer: Im Spiegel der Zeit Im Spiegel der Zeit
Geschichte > Der grosse Verkehr > Das Fuhrwesen


Aushngeschild fr die Fuhrleute in Zillis, 1786.

Das Fuhrwesen

Besorgniserregend waren die Folgen des Fuhrwesens auf Sitte und Moral und dies seit jeher. Mit Händel, Geschwätz, Schnäpsen und Kartenspiel wurden Zeit und Geld vertan und die Familienpflichten vernachlässigt. Manche Säumer, kaum hatten sie ihre Pferde bei der „Susta“ entladen, trieben sie diese allein auf den Heimweg, während sie sich selbst in den Wirtschaften gütlich taten. Diese Missstände waren Pfarrer Matli Conrad ein Dorn im Auge. Er schreibt: „Jene, meistens mit dem Fuhrwesen beschäftigt, nahmen alle Untugenden an, die aus dem Wirtshausleben und Müssiggang zu entspringen pflegen. Dieser Beruf hält die Jungen von der Schule und dem wöchentlichen Gottesdienste ab.“


La Susta, ein Zeuge aus der Zeit des grossen Verkehrs. (heute Haus Fravi) Aussen an der Susta musste jeweils bis 23 Uhr ein Licht brennen.

In böser Vorahnung, welche Nachteile die neuen Strassen mit der Zunahme des Verkehrs mit sich bringen würden, liess der genannte an der Brücke im Bad eine auf lateinisch abgefasste, warnende Inschrift anbringen. (Vergl. Abschnitt über Inschriften, Sprüche und Gedichte).

War der Wirtshausbesuch für viele mit verheerenden Folgen belastet, so war nicht minder schlimm die Sucht gewisser Herren und Herrensöhnchen, Wetten über die Schnelligkeit ihrer Vierbeiner abzuschliessen. Durch derlei einfältige Abmachungen wurde manches wertvolle Pferd zu Grunde gerichtet und zusätzlich viel Geld vertan.

Es darf auch nicht verschwiegen werden, dass Pferdehalter bereitwillig ihre Pferde etwa Privaten für einen halben oder einen ganzen Tag ausliehen. Als Entschädigung forderten sie meist kein Geld, sondern irgendwelche Arbeitsleistung oder die Unterstützung ihrer Anliegen, sei es in der Gemeindeversammlung oder sonstwo. Auf diese Weise wurden hin und wieder Interessen durchgesetzt, die nicht unbedingt zum Vorteil der Allgemeinheit gereichten.

Der Reiseverkehr mit Kutschen und Schlitten kam wohl erst mit der Einführung regelmässiger Postkurse in Schwung. Dies war für unsere Gegend von grosser Tragweite. Einerseits war die Post eine willkommene Arbeitgeberin [i] , und anderseits waren es Eisenbahn und Post, die unser Land öffneten und den Fremdenverkehr förderten. Für die Post waren die Pferdeposten eine grosse finanzielle Belastung, und die Fehlbeträge gingen in die Millionen. Als Fahrgelegenheit wurde die Post von den Einheimischen nur ausnahmsweise benutzt, und dies ist verständlich. Die Tarife waren derart hoch, dass in Ermangelung anderer Sitzgelegenheit lieber zu Fuss gereist wurde. Der Kilometerpreis war zwischen 25 und 30 Rappen. Für eine Wegfahrt nach Thusis und zurück mussten mehrere Franken aufgewendet werden, was für damalige Verhältnisse viel war.

Dass es auch schon damals blinde Passagiere gab oder solche, die es versuchen wollten, bestätigt folgendes Ereignis. Ein bekannter Geizhals war mit seiner Zukünftigen übereingekommen, gemäss damaliger Sitte, nach Chur zu reisen, um dort die Vorbereitungen und Einkäufe für die Hochzeit zu tätigen.. (was „ir a harmagear“ hiess). Für die Braut löste er grosszügig die Fahrkarte, während er selbst ausserhalb des Dorfes in der Dunkelheit auf den Gepäckkasten - auch „Magazin“ genannt - aufspringen wollte. Zur damaligen Zeit fuhr nämlich ein Postkurs zur nächtlichen Stunde durch Andeer und langte frühmorgens in Chur an. Der Aufsprung auf die Post gelang zwar, aber die Peitschenhiebe des Postillions, der vor der Abmachung Wind erhalten hatte, sorgten dafür, dass der blinde Passagier abspringen und den weiten Weg zu Fuss zurücklegen musste. Müde, übelgelaunt und erst gegen Mittag kam der Bräutigam zur Obertorbrücke, wo seine Auserwählte seit Stunden verzweifelt auf ihn gewartet hatte.

Es dauerte nicht sehr lange, so belebten auch andere Fuhrwerke unsere Strassen. Viele davon wurden von Lohnkutschern bedient. Sie waren die ersten Taxifahrer in unserem Lande.

In Andeer war Johann Conrad, Wirt „Zum Weissen Kreuz“, ein weit herum bekannter Lohnkutscher. Er besass eigenes Gefährt und dazu die Pferde. Sein schönes Vierergespann erweckte allenthalben Beachtung. Seine Fahrten führten ins Wallis, ins Engadin, ins Berner Oberland aber auch ins Tirol, nach Mailand, Wien und Budapest. Der Tagespreis für ein Zweigespann war samt Kutscher 50 Fr.-, für ein Vierergespann das Doppelte. An Ruhetagen, die etwa eingeschaltet wurden, waren die Ansätze die Hälfte. An Trinkgeld - heute würde man Service sagen - kassierte der Kutscher 10% des Fahrgeldes.

Aus jenen grossen Zeiten sind heute sehr wenige Zeugen erhalten. Kutschen, Brückenwagen und Schlitten sind verschwunden und höchstens noch vereinzelt in Museen ausgestellt. Mit der Eröffnung der Gotthard- und Brennerbahn schwand der Verkehr über die Pässe fast über Nacht. Zu meiner Jugendzeit kursierte noch während der Sommerzeit der vierspännige Furgon auf der Strecke zwischen Thusis und Chiavenna. Mit den kümmerlichen Resten des Pferdebestandes räumten dann das Auto und die motorisierte Landwirtschaft gänzlich auf.


Wegerschuppen in der Rofla

Auf einem Bilde wird hier die hoch heute bestehende Remise in den Kehren der Rofla gezeigt, wo Schlitten und Postkutsche untergebracht waren. Beidseitig weist dieser Schuppen grosse Tore auf, sodass, wenn die Wegverhältnisse es erforderten, mit Leichtigkeit von Wagen auf Schlitten oder auch umgekehrt gewechselt werden konnte.

Zeitzeugen berichten:

„Ich wohnte zuunterst im Dorfe und wir Schulkinder hatten oft Mühe uns behutsam zwischen die vielen fahrenden oder auch stille stehenden Kutschen, Gepäckwagen, Postwagen, Leiterwagen, Furgons und Reiter hindurch zu schlängeln, um noch rechtzeitig zur Schule zu gelangen. Besonders erpicht waren wir Knaben dem Durchtrieb der vielen Pferde zuzusehen, die von Deutschland nach Italien geführt wurden. Solche Herden zählten oft hundert und mehr Pferde. Je ein Mann zu Pferd führte 10 bis 12 Pferde, von welchen die vier vorderen nebeneinander an einer Stange gekoppelt waren, während die nachfolgenden ebenfalls in einer Viererreihe jedes am Schwanz des Vordertieres angebunden waren“.

„Auch Wanderer, einzeln, mehrere zusammen oder scharenweise belebten die Landstrasse. Hunderte von Italiener kamen im Frühjahr in die Schweiz und kehrten im Herbst wieder nach Hause zurück. Fröhlich plaudernd und singend zogen sie vorbei, meist barfuss, weil sie ihr Schuhwerk, um dieses zu schonen, geschultert an einem Stecken befestigt trugen.“

„Gerne erinnere ich mich an eine Reise über den Splügen im tiefsten Winter. Die Einerkolonne bestand aus 25 Schlitten. Das Leitross ein besonders starkes und gewandtes Pferd, ging voran und auf dem Schlitten war Postillion Markes. Die Leitseile waren dem Pferde weggenommen, weil es sich selbst zu Recht finden musste. Dies geschah so, das es die Nüstern des öftern in den Schnee steckte und dank des Geruchssinnes den Weg feststellte. Die nachfolgenden Pferde hatten sich nach dem Leitross zu richten. Auf der Passhöhe wurde das Ruttnerross mit einem anderen ebenfalls zuverlässigem Pferd ausgewechselt.

Ein andermal fuhr ich mit der Postkutsche nach Chiavenna. Unter den Galerien begegneten wir Johann Conrad aus Andeer. Es war ein bitter kalter Herbsttag. Seinen Wagen hatte er mit Weinfässern beladen. Er fragte uns, ob wir Wein möchten. Über dieses Angebot waren wir hocherfreut und dankbar.“[ii]

Dass auch die Posthalter mancherlei Ungemach zu erdulden hatten, ist weiter nicht verwunderlich. [iii] Dabei hatten sie wohl nicht nur mit den Bediensteten ihre liebe Not, sondern auch hin und wieder mit der Postverwaltung. In einem Brief aus dem Jahre 1855 beschwert sich Philip Hoessli, Andeer, bei der Direktion, weil die Fahrzeit von einer Stunde und zehn Minuten für die Strecke Splügen - Andeer zu kurz bemessen sei. Früher sei diese zehn Minuten länger angesetzt gewesen. Zufolge der schlechten Wegverhältnisse namentlich im Herbst und Frühjahr sei es kaum möglich rechtzeitig in Andeer anzukommen. Im Laufe der letzten Jahre seien ihm wegen Überanstrengung drei wertvolle Postpferde zu Grunde gegangen, und andere seien vorübergehend dienstuntauglich geworden. Von Splügen bis „Sogn Stiafen“ bei Bärenburg müssten die Zugtiere ununterbrochen traben, um Verspätungen zu vermeiden. Eine solche immer wiederkehrende Überanstrengung gehe selten ohne böse Folgen ab, was jedem Tierfreund Leid tun müsse.

Die Stellungnahme der Postdirektion ist nicht bekannt. Die Fahrzeit von einer Stunde und zehn Minuten war jedenfalls kurz vor der Umstellung der Pferde auf die Autopost noch unverändert in Kraft. [iv]



[i] Die Angestellten waren zwar eher mager entschädigt. Ein Postillion hatte einen Monatslohn von Fr. 100.-, später 150.-. Fürs Übernachten in Thusis oder Splügen bezahlte er aber auch nur 5 Rappen pro Nacht. Der Briefträger für den ganzen Schamserberg kam auf Fr. 900.- pro Jahr, hatte aber auch Sonntags den strengen Dienst zu leisten.

Nebenbei bemerkt erforderte das kutschieren mit vier- und fünfspännigen Wagen viel Geschick und Erfahrung. Die grosse Postkutsche, ein Achtplätzer, wurde meist von vier Pferden bei uns gezogen und nicht wie meist abgebildet mit fünf Pferden. Der Grund hiefür: Die Strassen wiesen zu viele zu eng und scharf gezogene Kurven auf.

[ii] Jeder Säumer oder Fuhrmann, der Wein verfrachtete, erhielt auf dem Weg ein Legal Wein. Der Inhalt stand zu seiner Verfügung. Pro 100 l zu transportierenden Weins bekam der Fuhrmann in der Regel für sich einen Liter. Durch diese Massnahme sollte verhindert werden, dass auf der Fahrt die Fässer heimlich angezapft würden.

[iii] Postpferdehalter waren in Andeer: Landamann Simon Simonett mit seinem Verwandten Marchion von der „Tgea Cotschna“, später Philip Hoessli, "Mulegn", und zuletzt Gallus Fravi und dessen Sohn Oberstlieutenant Jakob Fravi. (Unterdorf)

[iv] Mitgeteilt von Herrn J.J. Fravi-Andrea, Sohn des letzten Postpferdehalters.