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Ein Fuhrhalter erzählt

Was berichtet uns noch Donath Joos in seiner mehrmals zitierten Lebensbeschreibung über die Sorgen und Nöten der damaligen Fuhrhalter, zu denen auch sein Vater gehörte?


An der Pitschogna ein weiteres Haus Joos, wo der oft zitierte Donatus Joos zuhause war. Einstens ein Haus Fravi, Baujahr 1690. (Heute G. Mainetti-Joos).

„Bis in sein Alter hinein arbeitete mein Vater, Conradin Joos, mit grosser Genauigkeit und Sorgfalt auf seinem Gut. Sein Herz hing aber noch stärker an seinem Fuhrhandwerk, dass er besass, um Transitgüter von Chur nach Splügen und zurück zu befördern. Es brachte aber viel Unsegen ins Haus. Der sparsame Alte grämte und härmte sich ab, als er sehen musste, wie er, teils durch Sorglosigkeit und Betrügereien der Fahrknechte, teils durch Pferdeverluste, in Schulden geriet. Als fünf seiner Söhne in den Jahren 1849 und 1854 nach Amerika auswanderten, war er zur Aufgabe seiner Pferdefuhrhalterei gezwungen.

Einmal wurde ich erbeten, mit dem alten A. Hössli, der mit seinen zwei ungleichen Einspännern einen Knaben zum helfen höchst nötig hatte, nach Thusis zu fahren. Seine Gesellschaft schien mir eine der interessantesten von der Welt zu sein. Seine Jugend in Spanien zugebracht, wusste er gar viel Neues aus diesem Lande zu erzählen.

In Thusis angekommen, war des Alten erstes Wort: „Nun Kleiner, jetzt wollen wir uns an einem guten Stück Fleisch und einem Glas Veltliner erquicken“. Ich ass mit Appetit, trinken musste ich aber über Vergnügen und Vermögen. Mit übersprudelndem Munde den Wein lobend, schenkte er wohlmeinend mir an einem fort ein, bis mir alle Welt wie ein Wirbel herumging. Mit der Hilfe war es jetzt vorbei. Auf dem Heimweg band er mich auf den Wagen und deckte mich warm zu. Die Meinen erschraken bei diesem Anblick. Der Alte suchte sie zu beruhigen und befahl ein paar rohe Eier einzugeben. Ich könne ja so wenig vertragen. Nachher in ein kühles Zimmer gebracht, schlief ich bald ein und erwachte wieder gesund. Der Vater verwies mich aber scharf.

Von Zeit zu Zeit hatte der älteste Bruder (Giachen Joos, geb. 1824 und im Juni 1854 nach Amerika ausgewandert) mit einer Ladung Eilfuhr nachts von Splügen her zu fahren und das war damals als man noch nichts von mehrspännigen Schlitten wusste, mit drei bis vier Pferden auf glatter Schlittbahn fürwahr keine Kleinigkeit.

Es tat Not, dass ihm an solchen Abenden jemand zu Hilfe komme. Nicht selten war ich dazu erkoren. Mit Einbruch der Nacht machte ich mich auf den Weg. In der Schenke Baracca hinter Rofla war mein Warteposten. Wenn ich zwischen zehn und zwölf Uhr Peitschenknallen, Hundegebell und Glockengeschell hörte, so konnte ich denken, der Bruder sei da, worauf ich mit einem Hallo hinausstürzte. Erkannte ich aus dem Hallo, das zurückschallte, die Stimme des Bruders, so sprang ich hin, ergriff einem Pferd die Zügel und unter Peitschengeknall und Glockengeschell ging es weiter, die Roflahöhe hinunter. Mitunter traf es sich, dass ihrer zwei zugleich die Eilfuhrtour hatten. In einem solchen Falle hatte ich einen Kameraden.


Die kleine Schenke in der Roflaschlucht (La Baracca genannt). Heute abgerissen.

In der Baracca vertrieben wir die Zeit mit Kartenspiel. Einmal, als wir warteten, wurde es zwölfe, eins und darüber, und immer noch zeigte sich niemand. Wir wurden unruhig, gingen aus und ein, machten das Fenster auf und horchten. Alles blieb still. Doch endlich, als die Uhr schon zwei schlug, hörten wir sie kommen, aber statt unser Hallo zu erwidern, hielten die zwei so sehnlich erwarteten vor dem Hause still und schlenderten zur Türe herein. Und du liebe Zeit, in welchem Zustand befand sich mein Bruder! Über und über mit Blut bedeckt, liess er sich vom andern führen, welcher ihm dann beim Licht sogleich den Verband vom Kopfe löste und eine tief klaffende Wunde mit einer Mischung von Wasser und Branntwein, den die Schenkwirtin in aller Eile holte, auswusch. Wie war es zugegangen? Es war eine stockfinstere Nacht.

Der Bruder machte sich mit seinen drei Einspännern allein auf den Weg. Im so genannten Rüti etwa eine Stunde hinter unserer Baracca, rutschte der schwerbeladene Schlitten seines Colli in einen Schneegraben. Den Zwick von hinten fühlend, strengte sich das Pferd an, weiterzukommen. Da es aber den Schlitten nicht vom Fleck zu bringen vermochte, so stampfte und schnaufte es ganz bedenklich. Der Bruder merkte bald, was los sei, kam sachte nach vorn und streichelte seinen Colli ob bloss, um es zu besänftigen oder um es auch zu einer neuen Anstrengung Kraft sammeln zu lassen, steht dahin - kurz das gute Tier wollte in guter Meinung noch einmal versuchen, weiter zu kommen, richtete sich auf die Hinterbeine und schlug mit beiden Vorderhufen auf den Boden, traf aber damit den Kopf seines Herrn, der zusammenfiel und besinnungslos unter ihm lag. Etwa zwei Stunden später kam der andere Fuhrmann, sah niemand bei den Pferden, rief laut, knallte, pfiff. Es erfolgte keine Antwort. Etwa denkend, der Bruder müsse ein wenig zurückgeblieben sein und werde bald nachkommen, zwickte er dem Colli und rief: „hio, vorwärts!“ Aber siehe, das treue Tier zuckte mit dem Körper, gestikulierte mit dem Kopf, regte aber kein Bein. Es erlitt die Peitschenhiebe mit staunenswerter Geduld. Der Mann stutzte, holte seine Laterne, untersuchte den Weg und fand den Bruder zusammengekauert und im Schnee vergraben vor das Ross. Er hob ihn auf und verband die Wunde, wobei der Leidende wieder zur Besinnung kam. Durch Erleichtern der Last konnte der geflickte Schlitten wieder flott gemacht werden, und der Zug setzte sich in Bewegung.

Eines der Pferde, von uns Pikol genannt, behielt der Vater der Hausarbeit wegen meistens daheim. Es musste aber auch des Verdienstes wegen manchen Zug für andere Leute tun. Im Spätherbst und zur Zeit der Schneeschmelze, wenn die Strassen kotig waren, hat unser Pikol manch hundert Mal den nach Splügen fahrenden Fuhrwerken bis zur Rofla oder Rütihöhe als Vorspann gedient. Ihn heimzuholen schickte der Vater eines von uns Kindern. Ich tat es gerne, weil wir nicht selten von den Fuhrleuten ein Trinkgeldchen bekamen, das wir freilich nur zum Kaufe von etwas Nützlichem für uns behalten durften. Die Fuhrleute ihrerseits machten sich bisweilen auch so bequem, dass sie uns knallen und fahren liessen, während sie gemüthlich nachfolgten oder in den Wirtshäusern herumhockten.

Zur Schulzeit machten wir uns erst nach der Schule zwischen 4 und 5 Uhr auf den Weg, erst etwa eine Stunde nach der Abfahrt des Fuhrwerkes, das aber schon nach einer Stunde eingeholt werden konnte. Dass wir selten vor zehn Uhr mitunter auch erst gegen Mitternacht zu Hause ankamen, lässt sich leicht denken. Ich machte mir aber nichts daraus. Wenn mein Pikol einmal ausgespannt war und ich mich auf ihn geschwungen hatte, so hatte es keine Not. Das Reiten gefiel mir ausserordentlich gut. Ich sang und jolete ganz vergnügt in die Nacht hinein. Das schlechte Wetter machte allerdings Ausnahmen. Wenn ich bis auf die Knochen durchnässt oder mit vor Kälte starrenden Händen und Füssen heimkam, so verging mir das Singen und Jolen. Ich erinnere mich noch lebhaft, wie einmal noch bevor die Roflahöhe erreicht wurde, ein entsetzlich stürmisches Schneewetter einfiel. Es war aber Morgen. Die Pferde hatten ungeheure Mühe, den schweren Wagen durch den Schnee zu ziehen. Sie waren vor Schweiss wie in Schaum gehüllt. Unter solchen Umständen war natürlich nicht zu denken, dass mein Pikol ausgespannt werden sollte. Er musste das gleiche Schicksal teilen und den Lastwagen bis nach Splügen rollen helfen, was, statt fünf volle sechs Stunden währte.

Die armen Tiere dauerten mich. Ihren Haber, haben sie, denke ich mir, nie so gut verdient, wie diesmal. Er ist ihnen auch reichlich zu Teil geworden. Und mit welchem Begehren verzehrten sie ihn. Aber auch wir beide empfanden schmerzhaft die Leere des Magens. Allein auch dafür ward gesorgt. Eine Flasche Veltliner und Fleisch und Brod stellten uns völlig wieder her. Noch ein kurzer Aufenthalt und mein Pikol stand aufgezäumt und fertig da. Der Fuhrmann fasste mich an, schwang mich auf mein treues Tier, gab mir die Zügel in die Hand, machte mir den Mantel zurecht und sagte: „Jetzt Büblein, geh in Gottes Namen. Willst dein Leben erhalten, so lass dem Ross den Zügel, noch weniger gedenke daran herunter zu steigen oder du bist des Todes, höre, Kleiner des Todes bist du, wenn du so waghalsig bist, vom Pferde zu steigen“.

Auf diese Worte hieb er dem Pikol mit dem Peitschenstiel von hinten eins auf die Schenkel und dieser trabte zum Dorfe hinaus. Aber wie hatte sich mittlerweile das Wetter verschlimmert. Fürchterlich tobte der Sturm. Ein ganz enger Gesichtskreis war um uns gezogen. Hinter demselben war alles in Wetterdunkel gehüllt. Oft raste ein Schneewirbel daher der einen, schier nicht zu Atem kommen liess und Ross und Männchen im Schnee zu begraben drohte. Hohe Schneewellen warfen sich auf durch welche das Pferd sich mühsam hindurch arbeiten musste. Die Strasse war nicht mehr zu erkennen. Eine Schneewüste war vor uns. Dennoch, mein Pikol verirrte sich nicht und tat, was in seinen Kräften stand, um in möglichst kurzer Zeit das Ziel seines Weges zu erreichen.

Dem kleinen Reitersmann wurde aber je länger je banger. An Nase, Händen und Füssen fror ich so sehr, dass ich nicht glaubte, lange mehr aushalten zu können. Indessen gelangten wir nach Silvaplana. Wie aber noch eine gute halbe Stunde Weges auf dieser offenen Ebene auf dem Gebirge machen, wo der Wind am tollsten hauste. Das war meine Frage kummervollen Herzens. Dass ich in dem Unwetter nicht allein fortkommen und der drohende Tod mich hier finden könnte, war mir klarer als je. Doch die Not lehrt nicht nur beten sondern auch denken, erfinden und handeln. Ich war aber ein unerfahrener Knabe und dachte wie ein solcher und so dachte ich, ich wolle an des Pferdes Schweif mich festhalten und ihm so nachspringen. So könnte ich bald zu Wärme kommen und den Weg nicht verlieren. Gedacht, getan. Vom Pferde gesprungen, erfasste ich dessen Schweif.

Allein wie bald musste ich erfahren, dass mein Sinnen und Denken töricht war. Mühsam genug ging es einige Schritte weit, bis zur nächsten Schneewelle, da aber waren für meine Beine die Beine des Pferdes zu hoch und der Schnee zu tief: ich musste noch ein paar Schritte nach geschleppt den Schweif fahren lassen. Vom Winde gepeitscht, wollte heute das sonst folgsame Tier auch nicht auf mein Oha achten. In wenigen Minuten war es mir aus dem Gesicht gekommen. Es blieb mir hoch der Trost, in seinen Fusstapfen zu laufen. Aber oh weh, auch in dieser Hoffnung war ich getäuscht: gar bald war jede Spur verweht und verschwunden und überdies verlor ich total die Orientierung. Mir blieb nichts anders übrig, als auf Geratewohl mich weiter durch den Schnee zu arbeiten. Komme ich um, so komme ich um.

Zum Glück kam ich westlich ab, wo ich nach langen Strapazen nicht umzukommen brauchte, sondern auf den Rhein stossen musste, der mir die rechte Richtung geben konnte. Welcher willkommener Freund. Wenn nur die Nacht nicht so bald einbricht, so konnte ich hoffen nun die Gefahr zu entgehen. Ich hätte ausrufen mögen: „Sonne, stehe still!“ Doch das wäre nicht nötig gewesen, denn ich brauchte gar nicht mehr weit zu gehen, als ich zu meiner Freude den Roflawald gewahr wurde, der mir wie ein rettender Engel erschien. Nur noch eine Mauer war zu erklimmen und ich sah mich gerettet auf der Roflahöhe, wo die Strasse sich durch den dem Sturm trotzenden Wald hinzieht. Ich konnte nun ungehindert die Höhe hinab laufen. Meine Eltern die schon Anstalten gemacht hatten mich zu suchen, sahen mich, wie im Evangelium der Vater den verlorenen Sohn, von Weitem kommen und freuten sich mit mir des gesunden Wiedersehens. Das Pferd war längstens angelangt.

Zu Zeiten, da kein Vorspann gebraucht wurde und Hausarbeit nicht dringend war, musste unser Pferd Pikol auf andere Weise etwas verdienen Es gab immer etwas führen: bald Frucht aus -, bald Bretter nach Italien, bald Roheisen aus der Andeerer Schmelze und über den Bernhardin. Im Winter machte der Vater selber oder später erwachsene Söhne den Fuhrmann. Wir Kinder durften ausser in seltenen Notfällen die Schule nie versäumen. Warum ich einmal in der strengsten Zeit, bei etwa 20° R Kälte, schlechterdings nach Splügen fahren musste, weiss ich mir nicht zu erklären. Genug, es geschah und es bleibt mir unvergesslich mit welcher Mühe ich erst nach 7 stündiger Fahrt in Splügen ankam, wie der Schlitten oft stecken blieb, dem Pferd von Zeit zu Zeit Eisschollen von den Hufen abgeklopft werden mussten und wie ich mit Kälte und Frost zu Kämpfen hatte. Brod und Wurst gefroren mir in der Tasche. Am Kinn setzte sich eine Eiskruste fest. Die Hände waren wie aufgeblasen. Am Abend brachte ich die an die Füsse gefrorenen Schuhe und Strümpfe erst heraus, als sie eingewärmt waren. Die Zehen hatten eine dunkelbraune Farbe. Der schnelle Wechsel aus der kalten Luft in das warme Zimmer verursachte grosse Schmerzen, die ich nur durch Schneeumschläge zu lindern vermochte. Erst am andern Tage wagte ich, und zwar nur allmälig steigend, die Füsse warm einzuwickeln. Ein paar Tage gab mir das Ding viel zu schaffen und meine Füsse sind seither sehr empfindlich gegen Kälte.

Beim Fuhrwerk war mir die Zeit so lange. Und so sehr ich auch nach Gelegenheit ausschaute einen andern Beruf zu ergreifen - es war vergebens: kein Mensch in der Welt nahm sich meiner an. Doch so sehr mir alle Aussicht genommen zu sein schien und so lange die Zeit mir auch vorkommen wollte, ich wartete hoffend. Leider liess ich während dieser Zeit den sogenannten Bruder Liederlich der Bündner Fuhrleute auch an mir rupfen. Zwar Trinker war ich nicht gerade und ging immer sehr sparsam mit des Vaters Geld um. Die Gelegenheiten aber und Verlockungen zu Trinkgelagen waren zu Zeiten eine zu grosse Versuchung für mich, als dass ich ihr hätte gänzlich widerstehen können.

In Splügen geriet ich einmal unter die Klauen eines Trinkers, der mich aus lauter Wohlwollen zum übermässiger Trinken zwang. Ob bloss, weil er etwas aufladen wollte oder warum ist mir nicht recht klar, kurz, ich wurde tüchtig berauscht. Und so begab ich mich im strengsten Winter mit zwei Einspännern singend und johlend auf den Weg. Wie ich heim kam weiss ich nicht. Tausend Mal hätte es fehl gehen können. Ich weiss nur, dass ich die mit Mehlsäcken schwer beladenen Schlitten vor das Magazin eines Mehlhändlers führte und vor dem auf der Türe erscheinenden Kaufmann umfiel. Man trug mich in das Haus. Die Eltern gaben mir etwas ein, worauf ich einschlief und bis zum späten Morgen nicht erwachte.“


Donatus Joos