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Das einzige Foto aus dieser Epoche, das uns irgendwie erhalten geblieben ist, ist das der Frau von Thomas Rickard: Oktavia Rickard-Forbes.

Die Engländer in Andeer

In den Jahren 1864 bis 1870, einschliesslich zwei Jahre zur Liquidation des Unternehmens,wurde der letzte grosse Versuch unternommen, in unserem Tale Silber-, Blei- und Kupfererze zu fördern. Es war eine englische Gesellschaft, die „Val Sassam Mining Ltd. Co“, welche mit einem Aktienkapital von über einer Million Franken ins Geschäft stieg.

Hinter dieser Gesellschaft steckte jedoch die Firma „John Taylor and Co.“ in London, welche ihre Fachleute auf die Suche nach abbauwürdigen Erzen auch in Graubünden eingesetzt hatte. Diese waren es, welche die Erzvorkommen in Schams als vielversprechend beurteilten, und ihre Gesellschaft war es, die das nötige Kapital für die Gründung der „Val Sassam Mining Co“ zu Verfügung stellte (umfassendere Darstellungen des Bergbaus im Schams enthalten die unten angeführten Veröffentlichungen). [i]

Die Nachricht, eine englische Gesellschaft werde Erze auf „Taspin“ und „Las Gruabas“ (Ursera) ausbeuten, weckte in Andeer und den andern Dörfern unseres Tales die grössten Erwartungen und gab Anlass zu allerlei Überlegungen und Gerüchten. Dass Leute aus dem fernen England zu uns kommen würden, war in der Geschichte der Erzausbeute in Schams etwas ganz Neues und Unerhörtes.

Für die Unterkunft der Firmenleiter und ihrer Familien wurden Häuser oder Wohnungen gemietet und teilweise neu eingerichtet. Zunächst leitete ein Sohn des Gründers der Firma Taylor das Unternehmen im Schams, namens R. Heneage Taylor. Dieser nahm Wohnsitz im Hause Simonett (später Haus Andrea, auf dem Postplatz). Das Gebäude war zuvor um ein Stockwerk erhöht worden. [ii]

Nach etwa einem Jahr wurde der genannte Firmenleiter durch Thomas Rickard abgelöst. [iii] Dieser bezog Quartier im nördlichen Flügel des Hauses „Mulegn“, damals Philipp Hoessli gehörend. Auch dieser Gebäudeteil wurde den Wünschen der Mieter entsprechend ausgebaut. Es zeigte sich, dass die Engländer in Sachen Wohnkultur ihre eigenen Vorstellungen hatten. Beispielsweise lehnten sie die bei uns übliche Ofenheizung ab. Sie wollten offene Feuerstellen, also Kamine oder Cheminées, wie sie zu Hause gewohnt waren. Da diese aber nicht aufzutreiben waren, liessen sie sich solche nachsenden. Zwei dieser Kamine werden noch aufbewahrt.

Es hiess dann bald im Dorfe, die ganze Familie Rickard friere sich zu Tode, und der Schwiegervater namens Forbes verbringe den lieben langen Tag am Scheitstock. Aber die Engländer sind bekanntlich zähe Leute ... so auch die Rickards. Sie beharrten bei ihrer Heizungsmethode und erfroren sind sie jedenfalls nicht. Hingegen kann nicht verschwiegen werden, dass eine gemütliche und befriedigende Zimmerwärme selten erzielt werden konnte.

Auch die Kleidung der Engländer wich von der herkömmlichen bei uns üblichen Mode ab. Die Frauen trugen kurze Strümpfe auch im Winter, was beinahe als eine Versuchung Gottes angesehen wurde.

Eine Eigenart des Mister Rickard war, dass er seine grossen, englischen Zeitungen hoch zu Ross Las. Damit er sich besser in die Lektüre vertiefen könne, hatte er dem Pferd eine gemächlichere Gangart angewöhnt.

Abgesehen von diesen und weiteren Besonderheiten, die belächelt wurden, waren die Engländer wohlangesehene Menschen und im Umgang mit jedermann liebenswürdig und korrekt. Sie hielten auf die Einhaltung der Sonntagsruhe grosse Stücke. An Weihnachten luden sie die Schuljugend zur Christbaumfeier ins Haus und beschenkten die grosse Schar kleiner Gäste mit Süssigkeiten und dergleichen. Thomas Rickard beherrschte die deutsche Sprache, und auch die weiteren Familienmitglieder waren bemüht, deutsch zu reden. Als Rickard vernahm, dass Donath Joos in Andeer Bibelstunden erteilte, liess er diesem durch einen Bediensteten das Buch „Ostertags Geschichte der Bibel“ überreichen. Während eines Nachtessens, zu welchem Joos eingeladen worden war, meinte der Engländer. „Es freut mich sehr, zu vernehmen, dass dem hiesigen indifferentem Volke Erbauungsstunden erteilt werden; fahren Sie in Gottesnamen fort und machen Sie es dem Volke recht erbaulich.“ [iv]

Nach wenigen Jahren musste der Bergwerksbetrieb eingestellt werden. Die Verluste überstiegen die Millionengrenze. Mein Grossvater Leonhard Ragaz, der bei der „Val Sassam Mining Co.“ als Buchhalter angestellt war, führte auch die Liquidation des Unternehmens durch. Die freundschaftlichen Beziehungen, die ihn zeitlebens mit der Familie Rickard verbanden, kamen ihm wohl zu statten. Er erhielt eine gute Anstellung bei der gleichen Bergbauunternehmung in Russland, wohin er sich 1871 begab und später auch die Familie dorthin mitnahm. [v]

Die Einstellung der Arbeiten im Schamsertal und die nachfolgende Auflösung der „Val Sassam Mining Co.“ war eine arge Enttäuschung für die ganze Bevölkerung. Die von bösen Leuten in der Folge herumgebotene Behauptung, dass Bestechungsgelder von Konkurrenzfirmen mit im Spiel gewesen seien und zur Aufgabe des ganzen Betriebes beigetragen hätten, entbehrt jeglicher Grundlage.

Als leichtfertig und den tatsächlichen Verhältnissen in keiner Weise entsprechend muss auch die, von sonst einsichtigen Männern vertretene Ansicht beurteilt werden, dass die hohen Löhne des Firmenleiters und des Kaders zum finanziellen Zusammenbrach viel beigetragen hätten. Auszugsweise sollen hier einige Gedanken aus einem Artikel in der „Alpenpost“ wiedergegeben werden, dessen Verfasser die obige These vertritt. [vi]

„Leider aber ruhen die Arbeiten (in den Bergwerken) nach einem mehrjährigen, schwunghaften und zum Teil von glänzenden Erfolgen begleiteten Betrieb nun ganz in dem Dank der grossen Konkurrenz, die Metallpreise derart gesunken sind, dass man vorzog das ganze Unternehmen bis zum Eintritt besserer Zeiten stillzustellen... Um Ihnen indessen einen Begriff von dessen zeitweiliger Rentabilität zu geben, bemerke ich, dass eine Anzahl Arbeiter, die nach der Ergiebigkeit der Erzausbeute bezahlt wurden, pro Tag über Fr. 19 verdient haben. Selbstverständlich waren dies Ausnahmen. Es bleibt aber ausser Zweifel, dass, sofern die Splügenbahn, demnächst in Angriff genommen werden sollte, auch dieses Unternehmen wieder neu aufleben wird!

Die Bergwerke von „Ursera“ (Las Gruabas) unter einer sparsameren Verwaltung und nicht zu englisch gehaltenen Gratifikationen der Angestellten, von denen Einzelne über Fr. 10’000.- Jahresgehalt bezogen, hätten entschieden günstigere Resultate aufgewiesen.....“

Zur Ehre der „Val Sassam Mining Co.“ und deren Leitung führt der Verfasser noch aus: „Es möge übrigens als rühmliche Erscheinung bemerkt werden, dass die erwähnte Gesellschaft nicht etwa das ganze Unternehmen im Stiche liess, sondern dass sie ihren Verpflichtungen bis auf den letzten Heller nachkam.“

Nun, die eigentlichen Gründe, welche zur Einstellung der Erzausbeute führten, waren ganz anderer Art: ungenügende Erzvorkommen, nur im Sommer zugängliche Erzlager und der akut werdende Holzmangel für die Schmelzöfen.

Aus der Familie Rickard gingen eine Reihe, im Bergbau sehr gut ausgewiesene, weit herum bekannte Ingenieure und Geologen hervor. Angehörige dieser Familie beherrschten zeitweilig auch Kupferbergwerke in Afrika und waren erfolgreich namentlich in den Vereinigten Staaten von Nordamerika.

Eine Bestätigung dieser Behauptung lieferte ein Nachruf in einer amerikanischen Zeitung, die uns 1937 ganz per Zufall in die Hände geriet. [vii] Darin steht zu lesen:

„Forbes Rickard, Bergbau-Ingenieur war in Colorado eine bekannte Persönlichkeit. Er starb in seinem siebzigsten Lebensjahr nach längerem Krankheitslager.

Der Verstorbene wurde am 16. Juli 1866 in Andeer, Schweiz geboren, wo sein Vater Thomas Rickard als Unternehmungsleiter den Silber- und Bleiminen in den Alpen vorstand. Forbes Rickard studierte in England und erwarb 1886 den Titel eines Bergbauingenieurs an der königlichen Schule für Bergwerkskunde. Sein Grossvater James Rickard war der erste, bestens ausgewiesene Ingenieur für Bergbau, der im Jahre 1850 nach Kalifornien entsandt worden war.

Der obige Forbes Rickard - in Andeer geboren - kam zunächst nach Rosario Texas und war beauftragt dortige Objekte die für den Abbau von Erzen in Frage kommen konnten, genau zu erforschen.

Später nahm er seine Praxis in Colorado auf und seine Beratungstätigkeit erstreckte sich nicht nur über den Westen der USA, sondern auch bis nach Kanada, Neu Schottland und sogar nach Russland.

Ein weiteres Mitglied der Familie Rickard, namens Edgar Rickard und Vetter des Eingangs genannten Forbes Rickard unterhielt geschäftliche und freundschaftliche Beziehungen zu Herbert Hoover, Präsident der Vereinigten Statten.“

Die Engländer, die einst in Andeer weilten, sind in Vergessenheit geraten. Eine kurze Würdigung derselben schien mir aber angebracht.



[i] "Einige Betrachtungen über Bergbau" von Ivan Ragaz. I. Teil "Rätin" Bündnerische Zeitschrift für Kultur, 3. Jahrgang 1939/40

"Heimatbuch Schams 1958" Dr. B. Mani "Der Bergbau"

"106. Jahresbericht der Historisch-antiquarischen Gesellschaft Graubünden. Jahrgang 1976. Hans Stäbler, "Bergbau im Schams, im Ferreratal und im vorderen Rheinwald."

[ii] Vergl. auch Kapitel: "Wassernutzung"

[iii] Thomas Rickard war Bürger von Illogari, Cornwall, England und seine Ehefrau war Octavia geb. Forbes, ebenfalls von dort gebürtig.

[iv] Aus der Lebensbeschreibung von Donath Joos.

[v] Das vertraglich vereinbarte Salär betrug 1’200 Silberrubel (ca. 3’600 Schweizerfranken nebst freier Wohnung und freiem Holzbezug, für damalige Verhältnisse eine gute Entlöhnurg.

[vi] Zeitschrift "Die Alpenpost", Jahrgang 1872, Seite 27, "Bergwerke von Andeer in Bünden", von G. Fravi.

[vii] Vergl. Zeitungsartikel in der "Denver Post", Montag den 15. Febr. 1937. "Death Ends Long Mining Career, Forbes Rickard, Engineer, is Dead."