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Stall und Hütte von Alp Durnan. Zeichnung Pfr. J. Kessler, Chur

Die Alp Durnan

Gegenüber „Albin/Andies“ auf der andern Talseite liegt die Alp „Durnan“, welche ein Gebiet von rund 300 Hektaren umfasst, wovon 50 Hektaren Wald sind.

Diese Alp gehörte dem Bistum Chur, welches sie als Erblehen dem mächtigen Vasallen Bernhard von Schauenstein vergeben hatte. Die beiden Söhne dieses Adligen waren Bernhard und Rudolf, welche Durnan als ein Unterlehen am 2. Juni 1317 den drei Brüdern Johannes, Heinrich und Wilhelm Wünfried aus dem Rheinwald und ihren Erben verpachteten.[i]

Diese haben jährlich 10 Pfund (Bileien?) zu St. Martin zu bezahlen. Ihr Aufgabenkreis ist damit aber nicht erschöpft. Sie haben mit Schild und Speer zu dienen, überall wo sie bedurft werden im Bistum Chur, namentlich aber gegen den Vazer. Als zur Alp gehörend werden aufgeführt: „Wasser, Wald und Weide und was dazu höret“.

Im Jahre 1332 kauften die drei Brüder Wünfried aus dem Rheinwald die Alp. Die Grenzen werden so angegeben, wie sie im Grossen und Ganzen noch heute gelten.

Beim erwähnten Kauf handelt es sich aber nicht um einen solchen im heutigen Sinne, sondern um die Ablösung der gegenüber den Herren von Schauenstein geschilderten Verpflichtungen. Als oberster Lehensherr verblieb das Bistum Chur, bzw. dessen Rechtsnachfolger weiterhin zu Recht.[ii] Oberster Lehensherr ist um 1650 Junker Gion Martschun (Marchion). Er war Eigentümer von ganz „Durnan“, des angrenzenden Maiensässes „Dros“ sowie der Alp „Perfils“.[iii]

Spätere Lehensherren waren seine „Excellenz Herr General und Baron von Travers“ und 1765 dessen Rechtsnachfolger „Seine Weisheit Herr Präsident und Landamann Antonio de Giorgio (de Schorsch)“ von Splügen und „Seine Weisheit Vicario Antoni von Salis von Tagstein“. Wenden wir uns nunmehr den Beliehenen der untersten Stufe zu, welche die Alp bewirtschafteten. Ihnen gelang es immer mehr Rechte zu erlangen und die Ablösung der Erblehensverpflichtungen zu vollziehen. Dies dürfte im Laufe des 18. Jh. geschehen sein. Das genaue Datum ist nicht bekannt.

Nachweislich waren 1536 bereits Leute aus Schams, nämlich Amann Bastian von Andeer und Amann Russ von Zillis und weitere nicht namentlich aufgeführte Bewirtschafter, welche Alprechte innehatten.

Aus dem Jahre 1666 liegt ein Alprodel vor, worin als Weidenbesitzer aufgezählt werden: Matheus Marchion, Jörg Beeli, Johannes Sprecher, Risch Sepp, Esaias Conrad und Johannes Fagineus. Einige waren Zilliser, die anderen Andeerer.[iv] Bemerkenswert ist die in diesem Alprodel getroffene Übereinkunft, wonach die Alp wieder gemeinschaftlich zu bewirtschaften sei, also nicht mehr wie zeitweilig vorher nach Walserart, wo jeder Alpteilhaber eine eigene Käserei betrieb und sein Vieh auch selbst hütete.

Tatsächlich weisen die noch vorhandenen Reste von Grundmauern sowohl in der Nähe des heutigen Alpstafels, wie auch auf „Pro Sturm“ [v], auf eine Mehrzahl von Schermen oder Hütten hin. Des weiteren berichtet die Überlieferung, dass während der Pestzeit, die in Schams wütete und durch welche Bärenburg sogar ganz ausstarb, mehrere Familien aus Andeer auf „Durnan“ in ihren dortigen Hütten Zuflucht suchten. Ob sie dadurch dem Zugriff des „schwarzen Todes“ entkommen konnten, ist fraglich. [vi]

Anfang des letzten Jahrhunderts waren Partikulare von Andeer Eigentümer der Alp. Später gelangten 100 der 120 Alprechte in das Eigentum von Christian Hoessli von Splügen-Canova, während die restlichen 20 Weiden den Andeerer Bauern verblieben.

Dieser Zustand dauerte bis 1887, als die Scharanser ihre von Hoessli erworbenen Weiden, den Andeerern veräusserten. [vii]

Ein Schiedsspruch aus dem Jahre 1536 regelt die Frage des Schneefluchtrechtes (dretg d’untgida). Darunter ist das Recht zu verstehen, bei Schneefall das Vieh vorübergehend ausserhalb des Alpgebietes in geschütztere Orte zu treiben. Der Spruch lautet: „Die Alp Durnan reicht bis zum „Uall digl rieven tes“. Darüber hinaus besteht das Schneefluchtrecht bis gegen die Grenze der Alp „Anarosa“. Damit gemeint dürfte das Gebiet unterhalb der Maiensässe bis „Promigiur“ gewesen sein.

Durnan war einst Kuh- und Galtviehalp, zusätzlich kamen noch einzelne Pferde zur Sömmerung hinzu. Seit dem Erwerb der Alp im Jahre 1887 fand eine Änderung statt, indem nur noch Kühe und Ziegen geladen wurden.[viii] Die Ziegenherde bestand aus 70 bis 80 Stück, und die Zahl der bestossenen Kühe lag bei vierzig. Die Sömmerung von Geissen dauerte bis zum Jahre 1942 und diejenige von Kühen bis 1959. Da die Wirtschaftlichkeit kleiner Kuhalpen immer prekärer wird, musste eine andere Lösung gefunden werden. Dies geschah 1960. Die Alp Durnan wird pachtweise von der Alpgenossenschaft Albin/Andies übernommen und dient seither zur Bestossung von rund 80 Mesen.

Eine derartige Umstellung ist sicher bedauerlich, aber nur so konnte der Alpbetrieb gesichert werden.[ix]


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Zufallsbild: Alp Durnan

Die Alp Durnan ist ein an Naturschönheiten reiches Gebiet. Fauna und Flora sind mannigfaltig. Der Alpwald weist knorrige Wettertannen und verwitterte Arven auf, unter welchen das Vieh gerne Schutz sucht. Vereinzelte Arven tragen grüne Zapfen. Diese Art heisst „Pinus Cembra Helvetica“.[x] In zeitloser Ruhe und Schönheit verharren „Lai lung“ und „Lai ner“. Farbenprächtig sind zur Herbstzeit „Igls Mutans“ und „Las Caschleras.“

Das Leben auf unseren Alpen ist nüchterner und langweiliger geworden. Alphörner (tibas) sind längst verstummt, und typische Alpbräuche sind ausgestorben. Die Alpfahrten haben ihre einstige Bedeutung für unser Dorf ganz eingebüsst.

Lebendig geblieben ist noch, wie unsere Vorfahren die „richtige“ Zeit für die Alpladung von Albin ermittelten.

Jeweils im Spätfrühling, wenn das Grünen und Spriessen auch in den Höhen einsetzt, betrachteten Bauern und Hirten die Hänge am Piz Curver, wo in einer langen nach abwärts gerichteten Runse der Schnee am längsten sich behauptet. Der letzte Rest der weissen Fläche nimmt dann die Form einer grossen Hellebarde an. Wird der „Schaft dieser Waffe“ an einer Stelle „aper“ indem der Schnee dort immer zuerst schmilzt, ist die Zeit da (oder nicht mehr ferne) um Albin zu bestossen. Es hiess dann: Die Hellebarde ist durchbrochen (Igl halumbart è tschuncano)!



[i] Erblehensbrief vom 2. Juni 1317 (bestätigt am 27. Mai 1448.)

[ii] Die damaligen Lehensverhältnisse ähneln heutigen Verhältnissen. Wir denken an den Vermieter (Eigentümer), den Mieter und den Untermieter.

[iii] 1953 "Bündner Monatsblatt" Nr. 2/3 "Die Erbschaft um das "Bad" in Pignia 1621-1699 von Dr. Christoph Simonett, Zillis.

[iv] Dieser Alprodel ist betitelt: "In nomine Dei Anno 1666 22. Aprilis in Zillis.

[v] "Pro Sturm". Der Name "Sturm" ist ebenfalls ein untrüglicher Beweis, dass die einstige Bewirtschaftung der Alp durch Leute aus dem Rheinwald erfolgte. Der Familienname "Sturm" ist für Sufers schon um das Jahr 1400 bezeugt.

[vi] Es dürfte sich dabei um die Pestjahre 1629/30 gehandelt haben. Über die Pest in Schams berichtet der Chronist Hans Ardüser verschiedentlich. "1536 wütete die Pest in Zillis, Andeer und anderen Dörfern“.

"1581 sturben in Schams an dieser Seuche 700 Menschen. Die Pest durchsuchte alle Dörfer des Tales ausgenommen eines".

"Anno 1585 starben an der Pest wieder Leute in Schambs.

"1595 brach die Pest in einigen Dörfern aus so auch in Pignia ohne aber weiter um sich zu greifen. In den andern Gegenden wütete sie heftig".

[vii] Die Kaufsumme für die 100 Weiden betrug 19’000 Franken. Der Vertrag wurde am 12. Mai 1887 abgeschlossen. Die Verhandlungen für die Verkäufer führte Andreas Decahansjöri von Scharans und für die Käufer Leonhard Ragaz, Andeer, mein Grossvater.

[viii] In den Jahren 1928 bis 1937 wurde die Alp zunächst drei Jahre an U. Müller von Sax (Gams) und anschliessend an die Kant. Anstalt Realta verpachtet. Dies geschah um die zerrütteten Finanzen der Alpgenossenschaft wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

[ix] Die meisten privaten oder genossenschaftlichen Alpen haben heute einen schweren Stand. Steuern und Abgaben sowie Gebäudeversicherung belasten sie sehr. Für Unterhaltszwecke verbleiben geringe Mittel. Beispiel Durnan: Pachtmiete Fr. 2,200. - zusätzlich ca Fr 500. an Waldertrag steuern und Versicherung total 875 Fr.

[x] Vergl. Alpenflora von Hegi S. 10.